Ein Priester besucht Jack Kalvin. Über die Selbstlosigkeit. Wie ein schöner Saphir – 11. Juli 2010
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5.35
Die Kirche, alarmiert von den Gerüchten, es sei ein Heiliger in der Stadt, der grossen Zulauf geniesse, beschloss, der Sache auf den Grund zu gehen. Einer aus ihrer Mitte sollte hingehen und mit dem Mann reden. Man war sich sicher, es stecke dahinter ein falscher Zauber, ein geschickter Trick, mit dem der Mann die Seelen des einfachen Volkes verführte. Angesichts aber der grossen Popularität, die dieser angebliche Heilige genoss, musste man vorsichtig und unauffällig vorgehen. Nicht ein hoher Würdenträger, der zweifellos Aufmerksamkeit erregen würde, sollte mit ihm sprechen, sondern ein einfacher, erfahrener Priester. Die Wahl fiel auf einen Pater namens Cornelius, der in einer Gemeinde in einem Randbezirk der Stadt seinen Gottesdienst versah und als bibelkundiger und wortgewandter Prediger galt. Seine Messen waren nicht überdurchschnittlich gut besucht, ein linientreuer Mann also, auf den man sich verlassen konnte.
Und so stellte sich Pater Cornelius sich eines abends als letzter in die lange Schlange jener, die sich von Jack Kalvin ihr Glück versprachen. Es war späte Nacht, als der Pater sich endlich zu Jack Kalvin neben den Müllcontainer setzte. Jack schien von dem Priester keine Notiz zu nehmen.
“Die Kirche hat mich geschickt, damit ich Ihnen den Heiligenschein nehme”, sagte der Pater schliesslich.
“Nehmen Sie ihn und verschwinden Sie”, antwortete Jack, ohne den Kopf zu heben.
“Ich sehe keinen”, erwiderte der Pater.
Jack schnaufte verächtlich auf.
“Als ich anstand und darauf wartete, mit Ihnen reden zu können, sprach ich mit jenen, die auch zu ihnen wollten”, fuhr der Pater unbeirrt fort. “Die Menschen glauben, Sie brächten Ihnen Glück.”
“Sie nehmen mir das meine”, erwiderte Jack. Es war mehr Feststellung als Klage.
“Die Menschen, die zu Ihnen kommen, sehen das anders. Sie nehmen lediglich an, was Sie Ihnen geben.”
“Schauen Sie mich an”, sagte Jack und blickte jetzt das erste Mal auf, so dass der Pater seine dunklen Augen sah. “Schauen Sie mich an! Ich gebe gar nichts. Ich reiche niemandem meine Hand, nehme niemanden in meine Arme. Ich tue gar nichts. Ich kauere untätig in einer stinkenden Gasse und rühr mich nicht. Was geschieht, geschieht ohne mein Zutun. Glauben Sie mir: Ginge es, wie ich wollte, nichts von alledem geschähe. Ich gebe, ohne zu wollen. Ich will nicht geben. Könnte ich’s verhindern, niemand nähme sich von dem, was mir gehört. Könnte ich’s, ich nähme alles zurück. Nichts von alledem ist mein Verdienst, nichts davon meine Schuld! Aber dennoch bin ich es, der den vollen Preis dafür zahlt!”
Der Pater schwieg. Er blickte auf das, was von dem Menschen neben ihm noch übriggeblieben war, blickte auf die in den rötlichen Schimmer einer Strassenlaterne getauchte Gasse, sah den überquellenden Müllcontainer, sah den Abfall, den die zahllosen Glücksucher achtlos auf den Boden geworfen hatten, atmete die faule Luft ein, die sie umgab.
“Gott nahm auch Hiob alles”, sagte der Pater schliesslich.
Jack schüttelte den Kopf: “Was mit mir geschieht, ist anders.”
Der Pater antwortete nicht.
“Gott zerreibt mich”, fuhr Jack fort. “Er vernichtet mich. Glauben Sie, mich kümmert, ob mein Elend einem, den ich nicht einmal kenne, nützt? Sie haben keine Ahnung von den Schmerzen, die mir täglich zugefügt werden. Sie machen sich keine Vorstellung davon, was es heisst, Tag für Tag erfahren zu müssen, dass es doch noch etwas gibt, was Sie verlieren können, und dass die schreckliche Leere, die durch diese Verluste entsteht, nicht unendlich ist, sondern nur immer grösser wird! Gott soll dafür verantwortlich sein? Wie können Sie an einen Gott glauben, der solches tut?”
Pater Cornelius antwortete nicht sofort. Er dachte an die von Christus geforderte Nächstenliebe, dachte an die Bergpredigt und an das Hohelied der Liebe im Korintherbrief und daran, dass es die selbstlose Liebe nicht gab. Liebe und Selbstlosigkeit waren unvereinbar, die Liebe verlangte geradezu ein Selbst, damit es ein Gegenüber überhaut geben konnte, während Selbstlosigkeit die Aufgabe oder den Verlust eben dieses Selbsts verlangte: nur durch die Ausschaltung des Selbsts war es möglich, dass ein Mensch sein Mitspracherecht aufgab und aufhörte, in das Leben des Andern hineinzureden; dass ein Mensch nicht mehr selbst entschied, wann, wem, wie und ob überhaupt er dem Andern half; dass ein Mensch sich nicht länger anmasste, darüber entscheiden zu dürfen, was das Beste für den Andern war.
“Wie können Sie?” wiederholte Jack Kalvin.
Da antwortete der Pater mit kaum hörbarer Stimme: “Sie dürfen nicht auf Gott schauen. Schauen Sie auf das, worauf Gott steht.”
Pater Cornelius erhob sich.
“Bevor Sie gehen, Pater: Sagen Sie mir, was Ihnen zu Ihrem Glück noch fehlt.”
“Sie wollen mir etwas geben?” fragte der Pater erstaunt.
“Sie haben es sich bereits genommen”, antwortete Jack. “Ich will nur wissen, was mir morgen fehlen wird.”
Der Priester verriet es ihm nicht. Kurz nachdem er gegangen war, fiel Jack Kalvin vornüber mit dem Gesicht in einen tiefen Schlaf und es träumte ihm, dass er in die Gegenwart Gottes gerufen wurde. Jack blickte nicht auf. Strikt hielt sich der Traum an die Anweisung des Paters. Er spürte wie eine Hand ihn am Kragen packte, ihn vor sich hertrug und schliesslich vor die Füsse Gottes warf. Jack Kalvin sah nicht auf die Füsse Gottes, er versuchte auch nicht, den Saum von Gottes Gewand zu berühren. Jack Kalvin hielt den Blick gesenkt, er blickte an den Füssen Gottes vorbei auf das, worauf Gott stand. Und unter den Füßen Gottes war es wie ein schöner Saphir und wie die Gestalt des Himmels, wenn’s klar ist.
6.02
Ich nehme die Rezension zu Benjamin Steins zweitem Roman “Die Leinwand”, die gestern auf “Die Dschungel” erschien, als Anlass für eine persönliche Anmerkung. Ich hatte die Ehre, die Entstehung des Romans Kapitel für Kapitel mitverfolgen zu dürfen. Der Autor und ich führten in jener Zeit eine intensive Korrespondenz, die sich oft um Fragen des Glaubens drehte. Wir sprachen auch über die Schwierigkeiten, die mir das Christentum bereitete und wir diskutierten auch die Möglichkeit eines Übertritts in eine andere Religion: da war nicht nur vom jüdischen die Rede, sondern auch von den mystischen Strömungen im Islam. Aber es war schliesslich Steins Buch selbst, das mich davon überzeugte, am Christentum festzuhalten. Das tiefe Eintauchen in die jüdisch-orthodoxen Praktiken, die aufrichtige Auseinandersetzung auch mit jenen Teilen der Religion, die den Gläubigen vor schwierige Fragen und in kaum zu ertragende Situationen stellt, ja, die das Paradoxe dieses Glaubens offenlegt, machte mir klar, wie wichtig die eigene, religiöse Tradition ist. So sehr ich Stein auch um die Bilder und die Sprache beneidete, die ihm sein Glaube anbot, so deutlich verstand ich auch, dass meine Sprache, meine Bilder die christlichen sind. Der “Leinwand” verdanke ich es, dass ich zu meinem Glauben zurückkehrte, die “Leinwand” war es, die mich zum Christen machte. (Ich meine, dass Herbst in einem seiner Beiträge auf “Die Dschungel” davon sprach, Steins Buch habe die Kraft, zu bekehren, doch finde ich den betreffenden Beitrag nicht mehr.)



Sie bringen einem zum Grübeln. Was fehlte dem Priester? Und der Saphir… Lieber Herr Hediger, wenn ich Zeit finde, möchte ich gerne etwas über Ihr Buch schreiben, dass ich nun fertig gelesen habe. Mir ist beim Lesen etwas aufgefallen, was die Geschichte Jack Kalvins, die ich nun von Ihnen lese, bestätigt. Sie schreiben so, dass man “aufblickt”. Es gibt Texte, die lassen einen den Kopf gesenkt halten, die “zwingen” sich “zu versenken”, um in die andere Welt einzutauchen. Und es gibt Texte – wie Sie sie schreiben, glaube ich – die lassen einen immer wieder aufblicken, den Kopf heben, um aus dem Gelesenen neu hineinzuschauen in die eigene Welt. So zumindest geht es mir. Ich halte inne, um aufzuschauen, dem nachzudenken und anderes damit anzuschauen.
Auf bald.
Der Satz mit dem Saphir ist ein Zitat aus dem Alten Testament: Er steht so wortwörtlich in Exodus 24. Ich werde morgen näher darüber schreiben, was dieses Bild meiner Figur Jack Kalvin bedeutet, wie er es interpretiert. Es ist, in meinen Augen zumindest, ein zutiefst mystisches Bild – aber ich will nicht vorgreifen. Ich erzähle dann auch, was der Pater von Jack erhielt.
Es würde mich auserordentlich freuen, wenn Sie über den “Krötenkarneval” schrieben. Auch wenn ich mich heute an einer anderen Stelle im Leben befindet, so bedeutet mir das Büchlein nach wie vor sehr viel. Ihm verdanke ich es unter anderem, dass ich heute hier bin: in dieser Stadt, in diesem Alter, in diesem Leben.
Und Sie ahnen nicht, wie viel es mir bedeutet, dass dieses Buch die von Ihnen beschriebene Wirkung auf Sie hat.
Ich habe es nachgeschlagen. Tatsächlich: Sie sahen IHN: “Unter seinen Füßen war es eine Fläche von Saphir und wie der Himmel, wenn es klar ist.” Und jetzt muss ich noch schauen, was ein Saphir ist – Stellen Sie sich vor, ich habe gar keine Ahnung von Edelsteinen.
Herzlichen Gruß
M.