Über das Wesen der Engel.
Wir selbst sind aus leuchtend heißem Karamell gemacht, sind flüssiges Licht, das sich fädenziehend nur langsam fortbewegt. Wir meiden den Kontakt zur Welt und vermeiden die Berührung mit ihr. Unser Licht bleibt an den Dingen kleben, Menschen kommen von uns nicht mehr los. Wir sind klebrig süße Wesen. Deshalb lieben und fürchten uns die Menschen. Sie wollen uns in Flaschen gießen, uns über ihre Körper schütten, uns von der Haut ihrer Geliebten schlecken. Der Geschmack aber, den wir auf ihrer Zunge hinterlassen, ist bitter. Gefährlich lebt, wer einen Engel liebt. Denn wir wollen nur eins. Zurück ins gleißendste Licht. Wir wollen darin kochen, wieder wie Wasser fließend werden, verdampfen. Stattdessen irren wir erkaltend von mattem zu bleichem Licht.
Über das Sehvermögen der Engel.
Wir sind weder kurz- noch weitsichtig, wir sehen ganz allgemein sehr schlecht. Wir sehen Licht, jedoch nicht wie die Menschen das von Oberflächen reflektierte Licht, sondern jenes, das aus den Dingen selbst erstrahlt. Folglich sehen wir keine Konturen, nicht einmal schemenhaft, sondern nur schwach oder stärker strahlende Leuchten, eine Welt aus Lichtfeldern, die einander manchmal überlappen, oft aber weit auseinanderliegen. Dazwischen liegt Dunkelheit, in die wir uns nur furchtsam wagen.
Der schmale Weg – 25. August 2010
11.08
Im Endeffekt läuft es darauf hinaus:
Will der wahrhaft Gläubige seinen Glauben nicht verraten, muss er so leben, als glaubte er nicht.
Lass deinen Worten Taten folgen. Du magst mir noch so oft sagen, wie sehr du mich liebst – die Ohrfeige, die du mir gabst, werde ich nie vergessen.
Ich ertappe mich dabei, wie ich unablässig dein Gesicht lese, deinen Bewegungen nachspüre, die Geschwindigkeit messe, mit der du das Haus verlässt, die Kraft, mit der du mit der Faust auf den Tisch schlägst. Ich vertraue dem, was du tust. Was du getan hast, kannst du nicht ungeschehen machen. Das Bild, das ich mir von dir mache, es ist meine eigene Haut: die gestreichelte, die vernarbte.
Als Christ habe ich ein Problem: Glaube ich an einen Gott, der nicht nur spricht, sondern auch auf mein Leben einwirkt und sich darin auswirkt, glaube ich notgedrungen an einen Gott, der Spuren darin hinterlässt.
Spuren lesen. Hier war einer. Hier ist einer vorbeigekommen. Was hat er hier getan? Ein Feuer gemacht. Wasser getrunken. Mit jemandem gekämpft. Einen ganzen Stamm ausgelöscht. Vielleicht aber auch: Sich zu Fremden an ein Lagerfeuer gesetzt, Wasser in Wein verwandelt, einen Streit geschlichtet, Kinder gezeugt.
Wer glaubt, deutet. Wer glaubt, macht sich ein Bild von dem, der sein Leben, seinen Körper zeichnete. Es geht anders nicht.
Ein handelnder Gott arbeitet unablässig an seinem eigenen Abbild. Das ist mein Dilemma als Glaubender: Mein eigenes Leben ist ein (nicht das) Ebenbild Gottes. An meinem Leben zum Beispiel zeigt sich, dass Gott ein launischer Liebhaber, eine eigenwillige Geliebte ist. Die Hand, die mir freundschaftlich auf den Rücken klopft, umklammert einen Dolch. Der Mund, der mich küsst, vergiftet mich.
Schlaflos in Rio – 24. August 2010
10.23
Es ist keine Allergie, die unserer Kleinen zu schaffen macht. Ich habe diesen Verdacht schon seit Ende letzter Woche, als klar war, dass sie diesmal auf Antiallergika nicht reagiert. Durchhustete, schlaflose Nächte.
Diese Nacht – endlich! – wagte ein Arzt eine andere Diagnose. Eine atypische Pneumonie – vielleicht. Röntgenbilder, Blutproben. Dann nach Hause, ein paar Stunden versuchten Schlafes zum Husten der Tochter. Mittlerweile tut ihr das Husten weh, die Bronchien sind überreizt. Zum Husten kommen nun Tränen hinzu.
Während ich im Spital die Stunden mit der Tochter auf dem Arm verbringe, kommen Fragen auf. Ob das mit der Schriftstellerei überhaupt was für mich ist. Es ist gar keine Frage, dass die Familie an erster Stelle kommt (schon das ein verräterischer, selbstentlarvender Gedanke, den ein echter Künstler – so hört man gelegentlich – sich gar nicht macht). Familie: das heisst, nicht die ganze Arbeit mit dem Kind der Frau überlassen und sich einfach in die Stube zurückziehen, um doch noch zu einem bisschen Schlaf zu kommen; das heisst, Geld verdienen, damit es der Familie an nichts Wichtigem fehlt.
Wollte ich gut, wirklich gut schreiben, dürfte ich nichts anderes tun. Daher spiele ich mit dem Gedanken, nur noch kürzere Texte zu theologischen und sprachwissenschaftlichen Gedanken und Überlegungen zu schreiben. Zum Denken habe ich ja noch genug Zeit.
Ein Mensch ist tot – 22. August 2010
18.09
Schlimm ist das. Fürchterlich. Schrecklich, was sich die Feuilletons erlauben. Selten habe ich so schlechte, biedere Nachrufe gelesen wie die auf Schlingensief. Ein Mensch, der Schrecken verbreitete, aber keine Angst, schreibt etwa die Zeit. Ein Künstler von bestürzender Relevanz, titelt die FAZ. Um Himmels willen.
Ich stelle mir vor, wie Schlingensief sich über das, was man ihm da nachruft, ärgern muss. Ich stelle mir vor, dass es ihm lieber gewesen wäre, er hätte die Feuilletonisten mit seinem Tod geärgert. Der Tod ist ärgerlich. Scheisse nochmal.
Aber vielleicht irre ich mich. Vielleicht hätte ihn das sinnlose Geplapper, der von diesem Gefasel beabsichtigte Griff ans Herz zu Tränen gerührt. Vielleicht war Schlingensief ein Mensch wie wir andern alle auch.


