Neue Heimat – neues Weblog
Liebe Leserinnen und Leser des “ocularium”:
Im Zuge persönlicher und beruflicher Entwicklung während den letzten Monaten, habe ich beschlossen, dieses Weblog aufzugeben und zu schliessen.
Das Schreiben auf Deutsch verlangt mir immer mehr Zeit und Energie ab, so dass ausufernde Beiträge, wie sie hier gelegentlich erschienen, schlicht nicht mehr zu verwirklichen sind.
Ganz aufgeben möchte ich das Schreiben auf Deutsch jedoch nicht. Deshalb gehe ich mit einem neuen Weblog an den Start, in dem es jedoch nur sehr kurze Texte geben wird. Es würde mich freuen, wenn der ein oder andere meiner Leser mich auch dort gelegentlich besuchte.
Das neue Weblog finden sie >>> hier.
Rio
All die Krisen der vergangen Jahre, all die Arbeit während den vergangenen Monaten und all die Anstrengungen, die die Gegenwart einem abverlangt, sind es wert, wenn man am Morgen um acht das Haus eines Schülers nach der ersten Deutschstunde des Tages verlässt und in einen angenehm warmen Morgen hinaustritt, bei strahlend blauem Himmel, umgeben von den wunderschönen grünen Hügeln Rios. Und vom Meer her weht eine kühle Brise durch die engen Strassenschluchten.
Der ultimative Beweis
Der Mensch stirbt, um zu beweisen, dass er gelebt hat.
Ein brasilianisches Bonmot, das in der 60ern in aller Munde war und vergessen ging, als Militärdiktatur und rücksichtslose Kriminalität den Tod in etwas verwandelten, das nicht länger als Auszeichnung für ein vollendetes Leben angesehen werden konnte.
Ein Sänger, den ich kürzlich besuchte, hat sein Apartment von oben bis unten in grellsten Farben ausgemalt. Alles ist von Farbe bedeckt: die Wände, Decken, Böden, das Bett, der Herd, der Toaster, die WC-Schüssel, er selbst. Öffnet er dem Gast die Tür, sieht man ihn zuerst nicht. Sein Gesicht ist selber nur ein Farbtupfen auf einer ungeheuren Leinwand. Die Farben tanzen vor den Augen des Besuchers. Sitzt man ihm auf dem Sofa in der Stube gegenüber, ahnt man nur, wenn er etwas sagt oder lacht oder singt, dass er da ist. Mir ist, als ich mich verabschiede und einem Farbflecken die Hand zum Abschied reiche, als wolle dieser Mensch nicht, dass, wenn er stirbt, man ihn finde.
Da war ich noch ein Kind
Als die Worte aufhörten, blosse Lautmalerei zu sein,
(Salven, Schreie, Tränen, die mir kamen, wenn ich den Mund öffnete,)
Verlor die Welt ihre wunderbare Anonymität.
Der Mörder küsst den Dolch
Als die Menge begriff, dass Schweigen zwar Sprach-, nicht aber Lautlosigkeit bedeutet,
Stieg aus den Innereien der Stille ein Heulen auf,
Und Strohhüte flogen durch die Luft und in die Nacht.
Der Präsident starb,
Die Klinge zwischen den Rippen,
Das Wort “Schurke” auf den Lippen.
Zum Beispiel
jetzt. Es ist zehn vor fünf. Was auch immer in dieser Nacht in dieser Stadt geschehen ist, es ist vorbei. Jetzt beruhigen sich die Gemüter, versuchen ein bisschen Schlaf zu finden. Etwas hilflos fühlen sich die Handlungen und Absichten der Menschen zu dieser unentschiedenen Stunde zwischen Tag und Nacht an. Ich selbst bin wach, um Übungen zu den deutschen Präpositionen zu schreiben. Aber immer wieder schweifen meine Gedanken ab. In ein Haus hier ganz in der Nähe. Die Lichter aber sind aus und es ist noch zu früh, um an die Tür zu klopfen.
Nicht das, was ist
sondern das, was sein könnte, bestimmt meine Tage, merke ich, während ich anderen Zuständen zustrebe – finanziellen, gefühlten, erlebten.
Vielleicht krankt mein gesamtes Schreiben daran: dass ich nicht schreibe, ausgehend von dem, was ist, sondern von dem, was ich mir wünsche. Dabei hat sich schon des Öfteren das Leben als der bessere Wünscher erwiesen, als ich es bin: Meine Wünsche zielen immer am Leben vorbei. Haarscharf manchmal nur, aber eben daneben.
Ich musste mit dem Schreiben eine Pause einlegen, um mir dessen bewusst zu werden. Während ich immerzu schrieb, schrieb ich immerzu an meinen Wünschen. Fürs Leben war kein Platz. Ich musste aufhören zu schreiben, um zu merken, dass es für meine Wünsche im Leben keinen Platz gibt. Das ist nichts, worüber man traurig sein müsste. Mein Leben ist fröhlicher geworden.
Nun muss ich nur noch eine Schrift finden, die sich meinem Glück nicht in den Weg stellt.
Die alte Frage also: Wie den Moment beschreiben, der ja in seiner Grösse und Lückenhaftigkeit so grandios ist, dass jede Sprache sich darin mühelos austoben könnte.
Es wird in den nächsten Wochen hier nur sehr sporadisch etwas zu lesen geben – zusammen mit einem Kollegen baue ich derzeit ein kleines (lies: winziges) Dienstleistungsunternehmen auf. Deshalb ist im Moment kaum Zeit fürs Katalogisieren. (Selbst kleine Ideen erfordern Hingabe. Das macht sie – vielleicht einmal – gross.)
m.M. – 21. September 2010
Das Leben ist ein Abenteuer. Nicht, weil die Welt mich ständig in abenteuerliche Umstände oder Ereignisse stiesse, sondern weil mein Geist auf mitunter äusserst abenteuerliche Weise auf gewöhnlichste Umstände und Ereignisse reagiert.


